Wie ökumenisch war der Münchner Kirchentag? - Erste Eindrücke und Berichte.
Vortrag von Pfr. Florian W. Wallentin
vor dem CVJM Feuerbach Familienkreis
vom 19. Mai 2010
Florian W. Wallentin
Wie ökumenisch war der Münchner Kirchentag?
Erste Eindrücke und Berichte.
Vortrag vor dem CVJM Familienkreis Feuerbach
19. Mai 2010
"Wie ökumenisch war der Münchner Kirchentag? -
Erste Eindrücke und Berichte." -
So lautet das Thema meines Vortrages.
Von Mittwoch bis Sonntag vergangener Woche fand in München der zweite ökumenische Kirchentag statt: 5 Tage - 3000 Veranstaltungen - 100.000 Besucher. Sie werden verstehen, dass ich nicht auf jedes Detail eingehen kann und keineswegs Vollständigkeit beanspruche. Zumal ich auch nur einen einzigen Tag auf dem Kirchentag verbracht habe, nämlich den vergangenen Freitag. Nichtsdestotrotz habe ich eine Reihe von Beobachtungen gemacht und Eindrücke gewonnen, die ich für diesen Vortrag aufbereitet habe. Es sind erste Eindrücke und Berichte. Es sind subjektive Eindrücke und Berichte - dafür sind sie aber authentisch und aus erster Hand!
Die Auswahl meiner Themen ergibt sich dabei zwangsläufig aus dem, was ich am Freitag in München angetroffen und dort erlebt habe.
Mein Tagesprogramm habe ich mit Bedacht zusammengestellt. Und das ist ein Vorgang, der mehrere Stunden in Anspruch nimmt, gilt es doch, den dicken Veranstaltungskatalog zu beackern und auf einem riesigen Stadtplan die geographische Lage der Veranstaltungsorte mit einzuplanen. Schnell wird mir klar, am besten zuerst auf dem Messe-Gelände zu beginnen, um dann am Nachmittag in Richtung Innenstadt aufzubrechen.
Meine Aufmerksamkeit bei der Planung galt natürlich vor allem der mir aufgetragenen Fragestellung: "Wie ökumenisch ist der Kirchen-Tag?".
Ich freue mich, bei Ihnen zu sein, möchte aber gar nicht lange verweilen, sondern direkt wieder aufbrechen! Ich lade Sie ein, auf eine virtuelle Reise zum Kirchentag mitzukommen!
Ich entführe Sie in Gedanken nach München und lasse Sie an meinen Erlebnissen und Erfahrungen am vergangenen Freitag teilhaben.
Wenn Sie einverstanden sind, dann machen wir uns zuerst auf den Weg nach München. Im Kongresszentrum nehmen wir an einer Bibelarbeit zum Motto des Kirchentages teil - "Damit Ihr Hoffnung habt!". Das ist dann die Andacht. Auf dem Weg zum Hauptvortrag über den aktuellen Stand der Ökumene, streunen wir durch die Messestände der sog. Agora und staunen über die Vielfalt der kirchlichen Landschaft. Nachmittags nehmen wir an einem Empfang einer großen bairischen Volkspartei teil und hören, was Politiker zur Ökumene zu sagen haben. Mit der Feier einer orthodoxen Vesper in ökumenischer Gemeinschaft wollen wir den Tag beschließen und abschließend die Heimfahrt zum Gedankenaustausch nutzen.
Mein Vortrag gliedert sich somit in die folgenden sieben Abschnitte:
1. DER WEG NACH MÜNCHEN -
100 JAHRE ÖKUMENISCHE BEWEGUNG
2. DAMIT IHR HOFFNUNG HABT! -
BIBELARBEIT ZUM MOTTO
3. DAS BUNTE LEBEN DER ÖKUMENISCHEN BASIS -
DIE AGORA (BASIS)
4. WORUM IM GLAUBEN STREITEN? -
KIRCHENLEITUNG IM ÖKUMENISCHEN GESPRÄCH
5. AUF EMPFANG -
WIE POLITIKER DIE ÖKUMENE SEHEN
6. ÖKUMENISCHE TISCHGEMEINSCHAFT
UNTER ORTHODOXEM VORZEICHEN (LITURGIE)
7. WAS NEHMEN WIR MIT? -
FAZIT & AUSTAUSCH (PRAXIS)
Der erste und der letzte Abschnitt bilden mit dem allgemeinen Rückblick auf die ökumenische Bewegung und mit dem konkreten Ausblick auf die nächsten Schritte hier bei uns vor Ort so etwas wie einen äußeren Rahmen.
Einen inneren Rahmen bilden die Abschnitte 2 und 5, in denen es um religiöse Vollzüge geht, nämlich den Bezug auf die Bibel und die liturgische Praxis.
Den Kern der Darstellung bilden die drei Träger-Kreise der ökumenischen Bewegung: die ökumenische Basis, der kirchenleitende Überbau und das gesellschaftliche Umfeld.
1. DER WEG NACH MÜNCHEN -
100 JAHRE ÖKUMENISCHE BEWEGUNG
Die erste U-Bahn am Morgen bringt mich zum Hauptbahnhof. Mit dem Frühzug um kurz vor sechs geht es dann über Plochingen, Ulm und Augsburg in die bayerische Landeshauptstadt. Der Weg nach München meint in unserem Zusammenhang aber auch die Stationen und Meilensteine der Ökumene, die letztlich dazu geführt haben, dass es im Jahre 2010 überhaupt einen Ökumenischen Kirchentag geben konnte. Ich möchte im Eilzug-Tempo diesen Weg der ökumenischen Bewegung überblicksartig nachzeichnen:
In der Regel versteht man unter dem Stichwort ökumenische Bewegung das seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sich auf institutioneller Ebene organisierende Streben nach einer Überwindung der Trennungen zwischen den Kirchen und nach einem gemeinsamen christlichen Zeugnis. In diesem Zusammenhang ist etwa auch die Gründung des CVJM Mitte des 19. Jahrhunderts zu sehen. Spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist der ökumenische Gedanke dann auf der Tagesordnung von Gremien, Konferenzen und kirchennahen Einrichtungen angekommen. Als Geburtsstunde der modernen Ökumenischen Bewegung wird in der Regel die Weltmissionskonferenz 1910 in Edinburgh bezeichnet.
Bereits in der Frühzeit der Ökumenischen Bewegung zeigte sich, dass es zwei unterschiedliche Grundausrichtungen gibt, die beide ihr Recht haben. Beide Richtungen haben sich in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts profiliert und strukturiert: Die Bewegung für Praktisches Christentum (Life and Work) hielt 1925 in Stockholm ihre erste Vollversammlung ab, die Bewegung für Glauben und Kirchenverfassung (Faith and Order) 1927 in Lausanne.
Beide Bewegungen schlossen sich bei der Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen 1948 in Amsterdam zusammen. Als nationaler Kirchenrat wurde in Deutschland 1948 die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen ACK gegründet.
Weitere Meilensteine auf dem Weg der Ökumene waren:
1959/64 Gründung der Konferenz Europäischer Kirchen KEK
1962-65 Vaticanum II (Öffung der kath- Kirche für die Ökumene)
1971 Ökumenisches Pfingsttreffen Augsburg
1973 Leuenberger Konkordie (innerevangelische Ökumene)
und Gründung der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa GEKE
1982 Lima-Erklärung (ÖRK):
Konvergenzerklärung über Taufe, Eucharistie und Amt
1983 ff Konziliarer Prozess (ÖRK)
für Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung
1989 Europäische Ökumenische Versammlung Basel
(97 Graz, 07 Sibiu)
1997 Gemeinsames Wort zur wirtschaftlichen und sozialen Lage
1999 Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre
2001 Charta Oecumenica
2003 1. ÖKT Berlin
2007 Magdeburger Erklärung (ökum. Anerkennung der Taufe)
2010 2. ÖKT München
Sie sehen: Die ökumenische Bewegung ist gut unterwegs. Es wurde bereits ein beachtliches Wegstück gemeinsam zurückgelegt.
Vor allem seit der Gründung des ÖRK scheint das Tempo sogar stetig zuzunehmen.
Der ÖKT ist - um im Bild der Reise zu bleiben - so etwas wie ein kurzer Zwischenstopp, ein Aufenthalt auf offener Strecke, keinesfalls zu verwechseln mit dem Zielbahnhof! D.h. die Reise muss noch weiter führen.
Bei einigen Reisenden macht sich bereits eine gewisse Ungeduld breit. Andere staunen, wie weit man sich schon fort bewegt hat. Manche fremdeln noch ein wenig. Aber die Reisenden kommen immerhin gut ins Gespräch.
2. DAMIT IHR HOFFNUNG HABT! -
BIBELARBEIT ZUM MOTTO DES KIRCHENTAGES
Wir sind dem Weg nach München gefolgt und wollen auch diese Reflexion über den Kirchentag mit einer Bibelarbeit beginnen.
Im Radio habe ich vernommen, dass der Kirchentag in einer Feier-stunde in einer Münchener Synagoge feierlich eröffnet wurde. Damit bekennen sich die christlichen Konfessionen zeichenhaft zu ihren Wurzeln im Glauben Israels. Ich habe dieses Zeichen zum Anlass genommen, auch meinen Tag auf dem Kirchentag in diesen Wurzeln zu gründen, nämlich mit einer Bibelarbeit zu Röm 8 mit dem Rabbiner Tova Ben-Chorin.
Hier möchte ich aber auf das Motto des Kirchentages eingehen: "Damit Ihr Hoffnung habt!"
Dieses Leitwort ist einem Vers des 1. Petr. entnommen. Es steht in einem christologischen Kontext:
1 Petr 1:20f (Einheitsübersetzung)
Er [i.e. Christus] war schon vor der Erschaffung der Welt dazu ausersehen, und euretwegen ist er am Ende der Zeiten erschienen. Durch ihn seid ihr zum Glauben an Gott gekommen, der ihn von den Toten auferweckt und ihm die Herrlichkeit gegeben hat, so dass ihr an Gott glauben und auf ihn hoffen könnt.
Der Verfasser des 1. Petr bringt hier das pro nobis der Rechtfertigungslehre auf den Punkt: Für euch / euretwegen ist Christus am Ende der Zeiten erschienen. D.h. die ganze Geschichte bisher - von der Erschaffung der Welt an bis in die vermeintlichen letzten Zeiten der Gegenwart des 1. Petr. - kulminiert in Jesus Christus, genauer gesagt in Kreuz und Auferstehung. Christus ist somit der Erste und der Letzte, das A und O der Geschichte, der Inbegriff des Lebens. In ihm wird Geschichte als Heilsgeschichte erkannt. Denn Christus ist die Ursache und der Grund des Glaubens an Gott. Und er ist Ursache und Grund der Hoffnung. - Christus ist auferstanden, damit ihr Hoffnung habt!
Die Hoffnung verbindet uns mit Israel. Es ist die Hoffnung, dass Gottes Verheißungen in Erfüllung gehen. Die Hoffnung, dass es dereinst so sein wird wie am allerersten Anfang der Schöpfung, nämlich sehr gut - nur noch viel besser! Die Hoffnung, dass Gott uns zu Werkzeugen seines Friedens macht.
Für mich steht das Kirchentagsmotto auch für die Hoffnung, dass das hohepriesterliche Gebet Jesu damit sie alle eins seien (Joh 17:21) nicht nur immer wirklicher werde, sondern auch sichtbaren Ausdruck findet in der Einheit der christlichen Konfessionen in versöhnter Verschiedenheit.
Für mich steht das Kirchentagsmotto auch für die Hoffnung, dass die Mahnung aus Eph 4 beherzigt wird: Seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens: ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.
Sicherlich war das Kirchentagsmotto nicht einzig auf die Ökumene (resp. die Krise derselben) gemünzt. Aber dass das Motto angesichts der Finanz- und Wirtschaftskrise derartige Aktualität gewinnen würde, damit hat wohl bei der Planung des Kirchentages keiner gerechnet.
In einem Mehrgenerationen-Gottesdienst Anfang des Jahres in der Stadtkirche haben wir - eine Idee des württembergischen Kirchentagbüros aufgreifend - einen Koffer voller Hoffnung gepackt. Dabei zeigte sich an symbolischen Gegenständen wie handfest die christliche Hoffnung ist und wie sie uns hilft, die Krisen des Lebens und des Alltages zu meistern. Solche Hoffnungszeichen waren beispielsweise eine Kerze für die Hoffnung, dass auch im Dunkel Christus uns ein Licht bringt. Ein anderes Hoffnungszeichen der Handball, der für die Hoffnung steht, die wir mit einer Mannschaft oder einem Team verbinden. Oder nehmen Sie als drittes Beispiel das Hoffnungszeichen der Blüte, das für den Frühling und das neue Leben steht.
Ich denke, der ÖKT in München ist seinerseits ein Hoffnungszeichen für die ökumenische Bewegung! Er weckt Hoffnung, macht Mut und inspiriert. Er macht zeichenhaft die Einheit der unsichtbaren Kirche sichtbar. Er lässt die Ökumene aufblühen.
Amen.
♫ Freunde, dass der Mandelzweig ♫
3. DAS BUNTE LEBEN DER ÖKUMENISCHEN BASIS -
DIE AGORA
Der Markt der Möglichkeiten des DEKT - also die Hallen voller Messe-Stände aller nur denkbarer Gruppen und Einrichtungen, die mehr oder minder oder auch nur im Entferntesten mit Kirche zu tun haben - dieser Bereich, der dem Messegelände alle Ehre macht, heißt auf den ÖKT Agora. In den antiken griechischen Städten wird mit Agora der Marktplatz bezeichnet. Auf dem Kirchentag sind es eben Markthallen. Und auf diesem Markt wird nicht gekauft und verkauft, es wird nicht gehandelt. Trotzdem ist jede Menge los rund um die Marktstände. Gruppen, Kreise, Initiativen und Einrichtungen stellen sich vor oder laden zu Mitmachaktionen ein. Es herrscht ein buntes Treiben. Und es wird deutlich: Die kirchliche und ökumenische Landschaft ist ein weites Feld:
Auf der Agora sind alle möglichen Orden und Kommunitäten, Bistümer, Landeskirchen, weitere Kirchen und Basisgemeinden, Werke, Verbände, Vereine und Initiativen sowie jede Menge Gemeindegruppen und gesellschaftspolitische Interessengemeinschaften vertreten. Verschiedenste Ausprägungen christlicher Frömmigkeit und religiöser Überzeugung treffen so aufeinander. Alle Bereiche und Ebenen der ökumenischen Bewegung sind vertreten: die Basis, die Theologie, die Kirchenleitungen; die verschiedensten gesellschaftlichen Gruppen.
Als Besucher ist man sofort mitten drin und erlebt: Die kirchliche und ökumenische Landschaft ist ein weites Feld. Und die Christenmenschen sind ein buntes Völkchen:
Da begegnen sich Jung und Alt, Amt und Würden, Klosterbrüder, Diakonissen und Geistliche verschiedener Couleur. Der durchschnittliche Kirchentags-Besucher trägt klassischerweise einen Tagesrucksack auf dem Rücken und als Wiedererkennungszeichen einen Kirchentags-Schal - in diesem Jahr einen orangefarbenen mit dem Aufdruck "Damit Ihr Hoffnung habt!". Neu ist, dass man die Tageskarte jetzt in Folie verpackt wie einen Backstage-Pass um den Hals trägt. Und man iosst wieder kommerzielle Wurstbrötchen statt der ideologischen Grünkern-Bratlinge!
Die Agora ist sehr bezeichnend für den Kirchentag. Stellt sie doch sinnlich vor Augen, was Ökumene meint: Miteinander, Begegnung, Vielfalt. Das Ganze ist hier mehr als die Summe der Einzelteile. Es wird deutlich: Die Einheit der Kirche besteht nicht in ihrer Uniformität. Die Agora ist somit anschauliches Beispiel für versöhnte Verschiedenheit!
Mit diesem positiven Eindruck verlassen jetzt aber das Gewühle der Agora und begeben uns in Messehalle B2.
4. WORUM IM GLAUBEN STREITEN? -
KIRCHENLEITUNG IM ÖKUMENISCHEN GESPRÄCH
Im Rahmen der Hauptpodienreihe 4 "Was uns glauben lässt" findet in Halle B2 ein Podium statt zum Thema "Worum im Glauben streiten? - Ökumene: Reizwort und Hoffnungsthema". Hier kommen jetzt die Theologie und die Kirchenleitung zu Wort.
Eigentlich ist diese Podienreihe in der benachbarten, noch größeren Halle C1 angesiedelt, aber dort spricht heute Nachmittag die Bundeskanzlerin zu den Werten der Gesellschaft. Die hohe Politik stößt offensichtlich auf noch größeres Interesse als die Ökumene als solche!
Die Halle B2 ist nur zur Hälfte bestuhlt. Und wenn ich sage bestuhlt, meine ich, dass sie blockweise, in Reih und Glied und dicht an dicht mit den für Kirchentage typischen Pappkarton-Hockern bestückt ist.
Vorne in der Halle ist das "Spirituelle Zentrum". Dort ist genauso viel Platz, aber viel mehr Freiraum. Ich erkenne die Quelle des Lebens und von dort ausgehend Flüsse zu diversen Oasen: Oase der Stille, Oase der Fußwaschung, Oase der Vergebung, . . .
Beim nächsten Mal plane ich einen halben Tag mehr Zeit ein! Und zusätzlich einen halben Tag für die Messehalle, die als gigantische Buchhandlung dient.
Doch kommen wir zum Hauptpodium:
Klaus Harpprecht, Journalist und ehemaliger Amerikakorrespondent mit schwäbischen Wurzeln und Dekanssohn aus Nürtingen, ist erkrankt und lässt seinen Impuls daher verlesen:
Harpprecht ist enttäuscht. Die Kirchenleitungen haben aus den ökumenischen Aufbrüchen der Bekennenden Kirche und der Nachkriegszeit nichts gelernt. Harpprecht ist vor allem vom Vatikan derart enttäuscht, dass er eine zweite Reformation fordert. Er sieht keine Möglichkeit, mit der Kurie auf einen grünen Zweig zu kommen. Er führt die Strafmaßnahmen infolge gemeinsamen Abendmahles auf dem ökumenischen Kirchentag in Berlin 2003 gegen katholische Geistliche (Kroll & Hasenhüttl) genauso an wie die Anbiederung an Piusbrüder, Anglikaner und russisch Orthodoxe; sowie Schwangerschaftskonfliktberatung, Pille und Zöllibat. Hrpprecht stellt zwar fest, dass auch Katholiken von ihrer Kirchenleitung enttäuscht sind, dass sie ihrem Gewissen mehr gehorchen als dem Papst, dass also eine vor-reformatorische Grundstimmung bei den Katholiken herrsche. Dennoch ist seine Einschätzung der Reformfähigkeit des Vatikans klar: Vergesst die Ökumene! ist sein Statement.
Auf den contra-Impuls von Klaus Harpprecht reagiert die römisch-katholische Theologin Prof. Dr. Dorothea Sattler, Direktorin des Ökumenischen Institutes Münster und Mitglied im gemeinsamen Präsidiums des Kirchentages.
Sattler geht mit Harpprecht darin einig, dass die röm-kath Kirche reformiert werden muss. Sie sieht aber auch einen Reformbedarf in der Evangelischen Kirche, zB was die Ämterlehre der Kirche anbelangt.
Ansonsten stellt Sattler die Erfolge der ökumenischen Gespräche heraus, da die Gemeinsamkeiten der Konfessionen bewusst gemacht wurden. So gebe es ein weitgehendes, gemeinsames Verständnis des Symbol-Charakters des Abendmahles oder der Funktion des Papst-Amtes.
Sattler rät den Evangelischen, nicht so sehr auf den Papst und seine Verlautbarungen zu achten - Katholiken würden das auch nicht tun! Vielmehr sollte die Basis in den Blick genommen werden und die Glaubenspraxis der Katholiken vor Ort.
Ökumenisch zu leben sei göttliche Berufung und Nachfolge. Aber manche Berufung komme eben nicht mehr zu Lebzeiten an ihr Ziel.
Sattler mahnt daher zu Geduld und rät, sich ggs. zu tragen und ggf. ggs. mitzuleiden. Ihr Fazit: Wir sollen nicht aufgeben, sondern die Zwischenzeit nutzen!
Ähnlich sieht das auch der neue Generalsekretär des ÖRK, der Norweger Dr. Olav Fykse Tveik. Für ihn ist der ÖKT eine Ermutigung, die Hoffnung macht. Auch er sieht im Kirchentag ein Hoffnungszeichen. Er berichtet vom Ökumenischen Institut des ÖRK in Bossey und vom gemeinsamen Leben und Beten der verschiedenen Konfessionen dort. Noch deutlicher als Sattler spricht er vom Weiterkämpfen bis die Mauern fallen! Er empfiehlt, die Hoffnung zu teilen und rät zu Hartnäckigkeit. Es gebe keine Alternative zum ökumenischen Weg!
Da stellt sich dem geneigten Zuhörer die Frage, Wo soll es hin-gehen? Diese Frage soll in einem moderierten Gespräch zwischen Präses Nikolaus Schneider, dem EKD-Ratsvorsitzendem und dem Vorsitzenden der DBK, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch geklärt werden.
Schneider wünscht sich mehr Theologie und Leidenschaft in der Ökumene. Für ihn ist das gemeinsame Abendmahl eines der vor-dringlichen Themen. Die evangelische Kirchengemeinschaft könnte da ein Modell für die Ökumene sein, denn auch dort gibt es unter-schiedliche Auffassungen vom AM-Verständnis.
Zollitsch stellt fest: Das Gemeinsame ist größer als das Trennende!
Er beklagt gewisse Ermüdungserscheinungen, sieht aber keine Alter-native zur Ökumene.
Beide wollen das ökumenische Zeugnis in die Gesellschaft tragen.
Schneider schlägt konkret vor wie 1993 eine Gemeinsame Erklärung zur wirtschaftlichen und sozialen Lage zu erarbeiten. Beide vermeiden Papst-Polemik. Beide schweigen zur Missbrauchs-Affäre. Beide wiederholen Allgemeinplätze.
Mein Fazit lautet - um es in Anlehnung an Karl Valentin zu sagen: Ökumene ist schön. Macht aber auch viel Arbeit! Kirchenleitung und Theologie arbeiten mit Kontinuität und Ausdauer an der Ökumene. An der Basis herrscht neben Euphorie inzwischen auch ein gutes Maß von Ungeduld.
5. AUF EMPFANG - WIE POLITIKER DIE ÖKUMENE SEHEN
So, so, Zollitsch und Schneider wollen in die Gesellschaft hinein wirken? Dazu ist der Kirchentag mit seiner großen öffentlichen Beachtung natürlich ein Ideales Medium: Politik und Kirche begegnen einander auf dem Kirchentag. Politiker bringen sich ein, reden mit der Basis und nehmen (hoffentlich) auch etwas mit vom Kirchentag!
Wie Politiker den Kirchentag im Speziellen und Ökumene im Allgemeinen wahrnehmen, erfahre ich am Nachmittag aus erster Hand beim gemeinsamen Empfang der Hans-Seidel- und der Konrad-Adenauer Stiftung.
Dort sprechen der ehem. Präsident des Europäischen Parlaments, Hans-Gert Pöttering in seiner Funktion als Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung, Bundeskanzlerin Angela Merkel und der bayerische Landesvater, Horst Seehofer, vor wenigen hundert geladenen Gästen.
Pöttering erinnert an die Gründung der CDU, die er als eine dezidiert konfessions-verbindende Partei versteht! Er zitiert Konrad Adenauer, der als kath. Kirchentagspräsident bereits 1922 sagte: Soweit wir das irgendwie können, müssen wir mit Bestrebungen Gleichgesinnter im evangelischen Lager Hand in Hand gehen und suchen, uns gegenseitig zu unterstützen und zu fördern. Für Pöttering ist die Politik somit in Sachen Ökumene eine Vorreiterin und gute 50 Jahre schneller als die Kirchen!
Merkel glaubt, dass der Ökumenische Kirchentag gerade für diejenigen, die den Kirchen etwas fern sind, aber immer noch sehr an ihnen interessiertund mit ihnen vertraut sind, ein ganz großes Ereignis ist, weil es für viele Menschen ein beruhigendes Gefühl ist, wenn sich die katholische und die evangelische Kirche auf einem Kirchentag begegnen, wenn sie miteinander singen, feiern und diskutieren können und wenn sie die Botschaft in die Gesellschaft tragen: Uns leitet das gleiche christliche Menschenbild.
Religion - ein beruhigendes Gefühl? Glaube - ein Beruhigungsmittel? Kirche - ein Schlafmittel? Oder doch Opium fürs Volk? - Spricht hier etwa eine materialistisch-sozialistische Erziehung aus der Kanzlerin?
Wie es um die konfessionskundliche Bildung der Bundeskanzlerin steht, wird aus dem folgenden Zitat deutlich:
Ich bin eben zum Beispiel auf dem roten Pressesofa gefragt worden, was ich denn gut an der katholischen Kirche finde, was aber besser an der evangelischen sei. Dann sitzt man da; und das Gehirn rattert. Aber mir ist schnell etwas eingefallen. Ich habe nämlich deutlich ge-macht, dass ich an der katholischen Kirche beachtlich und wunderbar finde, dass sie sich als Weltkirche verstehen kann. Ich habe dann ge-sagt: An der evangelischen Kirche gefällt mir so gut, dass man im Gottesdienst mehr singen kann. Ich glaube, damit habe ich der Ökumene ein gutes Werk getan, indem ich nicht gleich auf die Diffe-renzen eingegangen bin, die mir als Nicht-Theologin nicht so einfach zu erklären sind.
Vielleicht erklärt jemand der Bundeskanzlerin bei Gelegenheit ja doch, wofür wir Evangelische stehen! Das mit dem gottesdienstlichen Singen ist mir doch etwas zu dürftig!
Seehofer scghließlich bezeichnete den Kirchentag als gewaltiges Fest und starkes Glaubenssignal der Christen. Ein wenig neidisch blickte er auf die Besucherströme: Keine andere gesellschaftspolitische Kraft schafft es, so viele Menschen zu versammeln wie die christlichen Kirchen. [Außer vielleicht der Fußball? - Anm. d. Verf.:] Der ÖKT sei für ihn Beweis, dass das C im Parteinamen zeitlos richtig sei und lebe. Das U solle als nächstes gemeinsam angepackt werden!
Fazit: Die Politik anerkennt die Bedeutung des christlichen Menschenbildes und der christlichen Werte für die Gesellschaft.
Konfessionalismus hält sie dagegen für anachronistisch. Die Union hält sich zudem für eine Vorreiterin in Sachen der Ökumene und die Kirchen eher für Nachzügler. Für die Union ist eine UNION das Modell für die Ökumene. - Sind Politiker die wahren Ökumeniker?
6. ÖKUMENISCHE TISCHGEMEINSCHAFT UNTER
ORTHODOXEM VORZEICHEN
Das Schönste bei einem politischen Empfang sind bekanntlich der Imbiss hinterher und die anregende Unterhaltung. Und ich muss sagen, die Stiftungen haben sich da mächtig ins Zeug gelegt.
Viel bescheidener geht es dagegen am Abend auf dem Odeonsplatz zu. Das Kirchentagspräsidium hat zusammen mit den orthodoxen Kirchen in München eine orthodoxe Vesper in ökumenischer Gemeinschaft vorbereitet. Unter dem Motto Gesegnetes Brot - Gemeinschaft an 1000 Tischen wird ökumenische Tischgemeinschaft erlebbar.
An die etwa einstündige orthodoxe Abend-Liturgie schließt das liturgische Brotbrechen an. Zu zehnt an einer Biertischgarnitur sitzend teilt man ein gesegnetes Fladenbrot, ein Krug Wasser, ein Schälchen Olivenöl, ein paar Äpfel. Das ist alles und ist doch viel mehr als die Canapés der CDU und die Leberknödel der CSU. Wir sprechen ein Gebet an unserem Tisch. Dann tauschen wir uns zwanglos nach dem Verfahren des Bibel-Teilens über die Speisung der 5000 aus. Das alles geschieht parallel genauso an 999 anderen Tischen auf dem Odeonsplatz. Die Gemeinschaft am Tisch (und die auf dem gesamten Platz) ist viel stärker als die am Bistro-Tisch beim politischen Empfang. Ich denke, weil sie eine geistliche Dimension hat.
Mit der Bibelarbeit zum Speisungswunder bekommt mein Tag auf dem Kirchentag so etwas wie einen biblischen Rahmen. Mit dem Segen von Metropolit Augustinos geht die orthodoxe Vesper zu Ende.
Die Orthodoxe Kirche hat sich eindrücklich für die Ökumene empfohlen!
Solange es noch kein gemeinsames Abendmahl gibt, ist die Artoklasie, das Brotbrechen, eine schöne Alternative zu Agape-Feier und FeierAbendMahl.
Die Glocken läuten und ich mache mich auf den Weg zum Bahnhof.
7. WAS NEHMEN WIR MIT? - FAZIT & AUSTAUSCH
Erfüllt und beglückt trete ich die Heimfahrt an. Ich sehe meine Aufzeichnungen durch und ergänze sie. Ich resümiere und bilanziere:
Was habe ich erlebt. Was habe ich wahrgenommen. Was nehme ich mit zurück. Was kann ich Ihnen berichten?
Ich möchte diesen letzten Teil unserer gemeinsamen Reise abschließend nutzen, um einerseits das Gesagte zusammenzufassen und auf die Frage hin zu untersuchen: Wie ökumenisch war der Kirchentag?
Ich möchte Sie andererseits dazu einladen, wie in einem Zugabteil mit den Mitreisenden ins Gespräch zu kommen, so dass wir uns abschließend austauschen über die Frage: Was nehmen wir mit vom zweiten ökumenischen Kirchentag?
7.1. Wie ökumenisch war also der Kirchentag?
Nun, zunächst möchte ich fragen: Welche Art von Ökumene ist gemeint? Ist es die Ökumene der Kirchenleitungen oder die der Theologen oder ist es die Ökumene der Basis? Ich glaube, der Kirchentag ist in erster Linie ein Kirchentag der breiten ökumenischen Basis! Gleichwohl kommen auch Theologie und Kirchenleitungen auf dem Kirchentag miteinander und mit der Basis ins Gespräch. Die Lister der Referenten und Referentinnen oder ein Blick auf die Mitglieder des gemeinsamen Präsidiums des Kirchentages, macht das deutlich.
Dann stellt sich die Frage: Wie misst man ökumenisch? Ich habe dazu drei Verfahren entwickelt.
a) Beim Stufen-Modell wird gemessen, welche Stufe der ökumenischen Gemeinschaft maximal erreicht wird:
1 beieinander sein ü
2 miteinander sprechen ü
3 gemeinsam singen ü
4 sich über die Bibel austauschen ü
5 zusammen beten ü
6 Agape / FeierAbendMahl ü
7 Abendmahl feiern ---
Der 2. ÖKT erreicht auf meiner Skale immerhin Stufe 6 von 7 möglichen und ist damit auf jeden Fall schon mal ziemlich ökumenisch!
b) Das Agora-Verfahren untersucht die Messe-Stände der Agora auf ihre Ökumenizität:
Da fällt zunächst das enge Beieinander konfessions-verschiedener aber inhaltlich verwandter Stände auf - z.B. Brot für die Welt und Misereor. Diese Art der Ökumenizität könnte als
Komplementär-Ökumene beschrieben werden, da sich die konfessionellen Angebote ergänzen und bereichern. Das Stichwort von der versöhnten Verschiedenheit hat hier seinen Sitz im Leben.
Daneben gibt es eine Reihe von gemeinsamen Ständen beider oder sogar mehrerer Konfessionen. So z. B. der gemeinsame Messe-Stand der Kirchen in Württemberg. Dieses Modell der Ökumenizität könnte als Kooperations-Ökumene bezeichnet werden.
Schließlich gibt es auf der Agora sehr viele Stände, die durch und durch ökumenisch sind, so dass niemand mehr nach konfessioneller Zuschreibung fragt. Die Stände der ökumenischen Basis-Gruppen fallen unter diese Kategorie. Ich nenne diese Form der Ökuminizität daher auch Basis-Ökumene.
c) Als drittes Verfahren lässt sich die Präsenz verschiedener Konfessionen erheben:
Dabei zeigt sich zum einen, dass es neben evangelisch und katholisch noch jede Menge anderer Konfessionen und Denominationen gibt! Zum anderen haben sich meinem Dafürhalten nach auf diesem Kirchentag vor allem die Orthodoxen für die Ökumene empfohlen.
d) Wir wollen die Ergebnisse der drei verfahren zur Ermittlung, wie ökumenisch der Kirchentag war, mit einer Stichprobe verifizieren:
Beim liturgischen Brotbrechen auf dem Odeonsplatz, saßen zehn Personen gemeinsam am Tisch. Es hat sich herausgestellt: 5 davon waren katholisch, 5 evangelisch. Interessanterweise saßen die fünf Katholiken auf der einen Seite und die fünf Protestanten auf der anderen!
e) Die Frage "Wie ökumenisch war der Kirchentag?" kann ich nur so beantworten: Er war sehr ökumenisch! Vermutlich geht es nur an wenigen Orten ökumenischer zu als in Deutschland. Und ökumenischer als auf dem Kirchentag geht es zur Zeit einfach nicht!
7.2. Welche Impulse nehmen wir mit?
Der 2. Ökumenische Kirchentag hat meines Erachtens keine großen neuen Entwürfe gebracht und auch keine Weichenstellungen. Nichtsdestotrotz kam er zur rechten Zeit. Das Motto "Damit Ihr Hoffnung habt!" war so etwas wie eine Durchhalteparole in den Krisen der Ökumene wie in denen der Wirtschaft und Gesellschaft. Ich denke, dass München eine Tradition von Ökumenischen Kirchentagen begründet. Evangelischer Kirchentag und Katholikentag erscheinen auf einmal nicht mehr ganz so zeitgemäß.
Persönlich nehme ich Impulse in appellativer Form mit:
Ÿ Vergesst den Vatikan!
Ÿ Unterschätzt nicht die Orthodoxen!
Ÿ Freut euch am Erreichten!
Ÿ Genießt die Ökumene an der Basis!
Ÿ Sprecht miteinander!
Ÿ Arbeitet theologisch!
Ÿ Habt Geduld!
Ÿ Gebt die Hoffnung nicht auf!
Ich möchte schließen, indem ich mein Zwischenfazit aufgreife und erweitere:
Ökumene ist notwendig und schön,
sie erfordert Geduld und macht Arbeit!
Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit!
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